Interview

Die Musikerinnen des Quartetts Flautando Köln begeistern seit 1990 mit virtuosen Flötentönen das Publikum auf der ganzen Welt – von Köln bis Korea. Im Gespräch mit Christian Deppe blicken Katharina Hess, Susanne Hochscheid, Ursula Thelen und Kerstin de Witt auf die 20-jährige Erfolgsgeschichte des bekanntesten deutschen Blockflöten- Ensembles.

Frage: Was war die Idee, die hinter der Gründung von Flautando Köln stand?

Ursula: Wir waren zwar vom ersten Moment an ernsthaft bei der Sache, aber es war nicht von Anfang an der Plan, ein professionelles Konzertensemble zu gründen, das dann 20 Jahre lang besteht. Das hat sich erst mit den Jahren entwickelt. Und ich vermute, es ist ein Vorteil, dass das Ensemble mit der Zeit gewachsen ist.

Susanne: Als wir uns getroffen haben, waren wir vier Studentinnen der Kölner Musikhochschule. Eine Blockflötistin der ersten Stunde ist nach neun Jahren ausgestiegen, dafür ist dann Kerstin dazugekommen.

Katharina: Das Ensemble hat sich gegründet wie viele andere an der Hochschule, die sich mal ausprobiert haben hier und da. Aber wir sind den Weg gegangen, es durch nichts auszutauschen. Wir haben zwar alle noch vieles ausprobiert, aber das Ensemble blieb bestehen.

Susanne: Es hat uns Freude gemacht, es wurde immer wichtiger und immer intensiver. Und damit kamen die Aufgaben und die ersten Konzerte.

Frage: Die Blockflöte hat ein Imageproblem, gilt vielen eher als Einstiegsmodell für die musikalische Laufbahn. Seid ihr manchmal damit konfrontiert?

Katharina: (lacht) Haben wir noch nie gehört!

Susanne: Ja, klar. Und das kommt auch in vielen Kritiken zum Ausdruck. Da steht dann genau dieser Satz und dass man im Konzert von uns merkt: Aha, es ist ja alles ganz anders. Wir profitieren aber auch davon, weil wir die Erwartungen unserer Besucher fast immer übertreffen. Wir hören nach den Konzerten ganz oft: Das gibt’s ja gar nicht, das hätte ich ja nie gedacht, dass man auf Blockflöten so Musik machen kann.

Frage: Wie seid ihr zur Blockflöte gekommen, was macht sie für euch so besonders?

Ursula: Ich war immer sehr vielseitig und hatte auch überlegt, Schul- oder Kirchenmusik zu studieren. Vielleicht hätte ich mich auch noch mal für den Gesang entschieden. Bei mir hat sich die Liebe zum Instrument eindeutig durch die Arbeit mit dem Quartett entwickelt.

Susanne: In meinem Fall war es wohl auch der Eintritt in eine andere Musikwelt als den modernen klassischen Musikbetrieb. Es ist mehr das Experimentelle und das Offenere, was die Blockflöte mit sich bringt. Das zwingt dich, kreativ zu sein.

Katharina: Ich habe zwar auch gedacht: Naja, die großen Epochen fehlen. Aber der Klang hat mich immer fasziniert und mich nie zum Beispiel zur Querflöte wechseln lassen.

Kerstin: Viele empfinden es als Beschränkung, dass es kein fertiges Repertoire gibt, aus dem man schöpfen kann. Aber das ist ja auch eine große Chance. Wir haben so tolle Programme gemacht in den letzten Jahren, in denen wir alles Mögliche für uns bearbeitet und arrangiert haben.

Frage: Was ist euch denn allen gemeinsam, dass das funktioniert hat?

Kerstin: (lacht) Gar nichts!

Susanne: Wir haben alle Spaß daran, in dieser Form und auf dieser Ebene Musik zu machen.

Katharina: Und in dieser Besetzung!

Ursula: Wir haben gelernt, von unserer Unterschiedlichkeit zu profitieren. Dieses Respektieren der Stärken und Schwächen, die jede von uns mitbringt, ist ganz toll.

Frage: Was macht den Charakter der einzelnen Persönlichkeit hier aus?

Ursula: Ich würde sagen, Kerstin ist sehr kreativ und ehrgeizig, dabei aber auch sehr sensibel. Sie ist offen und die Erste, die einlenkt und sagt: Dann lassen wir mal drei Meinungen stehen.

Kerstin: Susanne ist auch sehr ehrgeizig. Und sie ist diejenige, die am ehesten Dinge konsequent nach vorn treibt. Außerdem moderiert sie unsere Konzerte. Meistens hören wir ihr ja dabei zu (lacht) und sind dann oft ganz erstaunt, was ihr dabei so alles einfällt.

Susanne: Katharina ist mit viel Herz bei der Musik, sie ist auch sehr kreativ, und es geht ihr immer ganz arg um die Sache. Sie ist dann sehr beharrlich und gibt aber auch viele Impulse.

Katharina: Ursula ist nicht nur diejenige von uns, die auch singt, sie ist unser Sonnenschein, unsere absolute Optimistin, die uns immer wieder aus allen Löchern herauszieht.

Susanne: Und der Gesang bringt natürlich eine ganz besondere, ganz eigene Klangfarbe mit ins Ensemble. Bei einigen unserer Programme ist er ein ganz wesentlicher Bestandteil, zum Beispiel bei den Weihnachtsprogrammen, unserem spanischen Renaissanceprogramm oder auch bei unserem neuesten Programm „Neuland“, bei dem sie Lieder von Kurt Weill singt.

Frage: Gibt es bei so viel Harmonie auch manchmal Streit? Bedeuten vier Musikerinnen nicht auch vier Meinungen?

Susanne: Mittlerweile wissen wir, dass man Kompromisse machen muss, und ich glaube, jede weiß, wann sie zurückstecken sollte.

Kerstin: Wir haben gelernt, dass es immer viele Lösungen gibt, auch gerade musikalische, und dass man darüber streiten kann, sich dann aber für eine entscheiden muss. Ich finde, das ist ja auch die Chance in so einem Ensemble, daran zu lernen.

Katharina: Dass es manchmal knistert in den Proben, finde ich außerdem eher spannend.

Frage: Arbeitet ihr mit anderen Musikern zusammen? Katharina: Ja, vor allem bei der Arbeit für unsere CDs. Mit Susannes Mann, einem Schlagzeuger, mit einer Lautenistin, mit einem Countertenor, auch schon mal mit einer großen Continuo-Gruppe. Darüber hinaus gibt es auch einzelne Projekte mit dem Vokalensemble Stimmwerck, einem Kontrabassisten, verschiedenen Orchestern, einem Märchenerzähler, einem Schauspieler ...

Susanne: Bei unserer letzten CD mit englischer Musik der Tudor-Epoche haben wir auch einige Quintette mit Katrin Krauß aufgenommen, die einige Male bei uns als Schwangerschaftsvertretung gespielt hat.

Frage: Was wird auf eurem nächsten Album zu hören sein?

Kerstin: Das ist eine Bach-CD, Bach rauf und runter, vor allem Johann Sebastian, aber auch je ein Stück von Wilhelm Friedemann und Johann Christian.

Frage: Welche Voraussetzungen muss ein Stück grundsätzlich erfüllen, um ins Repertoire aufgenommen zu werden?

Katharina: Es muss uns gefallen. Und es muss sich für ein Blockflötenquartett bearbeiten lassen. Dass wir eine Note aus dem Schrank ziehen und dann spielen können, passiert uns selten bis nie. Wir arrangieren viel, aber das kostet auch viel, viel Zeit.

Frage: Ihr habt acht CDs aufgenommen, spielt etwa 40 Konzerte pro Jahr. Ist das nicht schwierig, wo ihr doch über die Landkarte verstreut wohnt?

Ursula: Wir verwenden zuweilen wirklich enorm viel Zeit mit der Lösung logistischer Fragen. Wir haben auch schon einmal ein Privatflugzeug gechartert, als wir morgens mit Musica Antiqua Köln in Salzburg und nachmittags bei den Dresdner Musikfestspielen spielten. Ein anderes Mal sind wir nachts mit dem Auto von Luxemburg 800 Kilometer in den hohen Norden gedüst, um am nächsten Morgen ein Matineekonzert in Eutin zu spielen.

Frage: Was waren die musikalischen Highlights in den 20 Jahren?

Ursula: Das waren zum einen die Aufnahmen mit Sendern wie WDR, SWR, MDR, Radio Bremen und dem Deutschlandfunk. Aber auch die Teilnahme an zahlreichen Festivals, dem Schleswig Holstein Musikfestival, dem Rheingau Musikfestival, dem MDR Musiksommer, der Musiktrienale Köln, den Göttinger Händelfestspielen, dem Bachfest Leipzig ...

Katharina: Und natürlich die vielen Auslandsreisen wie nach Korea, Tschechien und Taiwan.

Frage: Ist die Blockflöte auch dort bekannt?

Susanne: Ja, in Taiwan, wo wir zuletzt waren, habe ich mich selbst darüber gewundert, dass die Konzerte immer so voll waren, 600 Menschen und mehr.

Katharina: Wir haben fünf Konzerte in den größten Sälen dort gemacht, zum Beispiel in der National Concert Hall, es gibt keine größere Halle dort. Es existiert eine echte Blockflöten-Szene, genauso in Korea, wo wir vor zwei Jahren waren.

Frage: Was ist das Rezept für eine so lange und gute Zusammenarbeit?

Kerstin: Ich glaube, das ist das Bewusstsein füreinander, ein Bewusstsein dafür, wie toll es doch ist, dass man sich hat.

Katharina: Man darf nicht unterschätzen, dass wir es als großes Glück empfinden, in dieser Kombination zusammen zu sein. Wir schätzen immer mehr, dass diese vier Menschen hier eine Symbiose bilden. Wir sind alle ganz verschieden, aber wir fügen uns nach diesen vielen Jahren auf eine wunderbare Art und Weise zusammen.

Susanne: Natürlich haben wir auch daran gearbeitet, aber in erster Linie ist es wohl ein Geschenk.